Distanz in Beziehung verwandeln

Foto: Archiv Stefan Moses.

Foto: Archiv Stefan Moses

Die Linien meiner Zwillingsschwester führen mich…

Wie eng das Werk der beiden seit der Trennung 1939 weit voneinander entfernt lebenden und doch immer einander nahen Schwestern Aichinger aufeinander bezogen ist, gibt sich nur in wenigen Momenten explizit zu erkennen. Am Nachmittag des 25. Oktober 1986 findet in der Villa des Graphikers Thomas Rücker in München-Bogenhausen eine Ausstellung mit Arbeiten von Helga Michie statt, die Friedrich Denk organisiert hatte. Für die Einladungskarte verfasst Ilse Aichinger einen Text, der in die Erstauflage von Kleist, Moos, Fasane (1987) aufgenommen wird und später noch einmal in Helga Michies Band Concord erscheint (2006). Die erzwungene Trennung, die Fähigkeit beider Zwillinge Distanz in Beziehung zu verwandeln (Die Dioskuren in Gumpendorf, Subtexte, 112), mündet in einen Dialog, der letztlich befreiend wirkt: Es ist rätselhaft, woher der Trost aus diesen Bildern kommt, aber er kommt.

Entwurf zum Text „Die Linien meiner Schwester“ aus der Mappe „Maulwürfe“ (Nachlass Ilse Aichinger, DLA)

Die Einladungsliste umfaßt bedeutende Personen aus dem damaligen Literaur- und Kulturbetrieb (Privatarchiv Friedrich Denk)

Einladungskarte Innenteil (Nachlass Helga Michie)

Einladungskarte Cover und Rückseite (Nachlass Helga Michie)

Helga Michie: Checkers, woodcut, 15×10 cm, 1978 (HM 183)

The Forgotten, ballpoint pen, 20×13 cm, 1969 (HM 26)

1921-1927 Erinnerung begreift sich nicht zu Ende

Ilse Aichinger und ihre identische Zwillingsschwester Helga werden am 1. November 1921 in Wien
geboren und katholisch getauft.

1927-1938 Eine Geschichte von der Treue

Im Sommer 1927 trennen sich die Eltern, die Ehe wird geschieden. Die Zwillinge kehren mit ihrer Mutter nach Wien zurück, bleiben aber in gutem Kontakt mit dem Vater. Die Zeiten sind schwierig.

1938-1945 Verfolgung und Unsicherheit

In Österreich hatten zu Weihnachten 1938 Verfolgung und Unsicherheit für viele Familien begonnen. Auch wir hatten unsere Wohnung verlassen müssen und wohnten bei unserer Großmutter.

Die größere Hoffnung

Der Titel war zuerst da, Die größere Hoffnung, weil dieser Begriff der Hoffnung gegen jede Hoffnung ist, eigentlich die Hoffnung der Verlorenen.

1945-1950 „Es begann mit Ilse Aichinger“

Wenige Monate nach Kriegsende, am 1.September 1945, dem Jahrestag des Kriegsbeginns, wird der erste Text von Ilse Aichinger im soeben gegründeten Wiener Kurier publiziert: „Das vierte Tor“.

1950-1953 Das Erzählen in dieser Zeit

Mit finanzieller Unterstützung des Fischer Verlags verlässt Aichinger Anfang der 50er Jahre Wien und übersiedelt zunächst nach Frankfurt. Inge Scholl, die älteste der Geschwister Scholl…

1953-1963 Wo ich wohne

1953 heiratet Ilse Aichinger den deutschen Schriftsteller Günter Eich. Sie wohnen in Bayern nahe der österreichischen Grenze, zunächst in Breitbrunn in Oberbayern, ab 1956 in Lenggries.

1963-1972 Maulwürfe

Im Sommer 1963 zieht Aichinger mit ihrer Familie in ein altes Haus mit großem Garten in Großgmain im Salzburger Land. Wirtschaftswunder, Dekolonisation und Amerikanisierung…

1972-1984 Die Untergänge vor sich herschleifen

Auch nach dem Tod von Günter Eich im Dezember 1972 bleibt Ilse Aichinger noch lange im Haus in Großgmain, das sie zuletzt gemeinsam mit ihrer Mutter bewohnt…

1984-1988 Worte müssen immer wieder bedacht werden

Vor ihrer endgültigen Rückkehr nach Wien lebt Aichinger auf Initiative ihrer Verlegerin, Freundin und Mäzenin Monika Schoeller noch einmal für einige Zeit in Frankfurt am Main…

1988-1996 Es wird immer um Genauigkeit gehen

Fünfzig Jahre nach dem sogenannten ‚Anschluss‘ Österreichs und auf dem Höhepunkt der Waldheim-Affäre kehrt Ilse Aichinger nach Wien zurück…

1997-2006 „… dass ich Wien brauche“. Im Kino des Verschwindens

Als passionierte Kinogängerin und Caféhausbesucherin wird Aichinger in den neunziger Jahren zum Wiener ‚Original‘. 1995 hatte sie die Viennale mit einer Ansprache eröffnet…

2006-2016 Die Freiheit, wegzubleiben

„Weshalb »Journal«, weshalb »Verschwinden«, weshalb »Blitzlichter auf ein Leben«? – Weil mir vor allem an der Flüchtigkeit liegt“.

2016-2021 Freude, Jugend, Hoffnung

Als Ilse Aichinger im Frühjahr 1952 ihre „Spiegelgeschichte“ vor der Gruppe 47 gelesen hatte, gab es keine Diskussion, keinen Einspruch. Der Text überzeugte fraglos, die Würdigung der Autorin…